Kontakt

Heidelberg Center for the Environment (HCE)
Geschäftsstelle
Tel. +49 6221 54-6530
hce@iup.uni-heidelberg.de

Das HCE-Team

 

Forschungsprofil

Während die disziplinäre Forschung unterschiedliche Teilaspekte der vielschichtigen Umwelten des Menschen aus ihrer jeweiligen Perspektive betrachtet, richtet das HCE seine Aufmerksamkeit auf übergreifende Aspekte, insbesondere auf die Dynamiken der physischen und der sozio-kulturellen Umwelt und auf Wechselwirkungen zwischen ihnen. Dabei werden fundamentale Fragen adressiert, beispielsweise die nach möglichen universellen Zusammenhängen zwischen mikroskopischen und makroskopischen Eigenschaften in den vielfältigen, einander beeinflussenden Umweltphänomenen. Vor allem aber wird ein umfassendes Verständnis von Umweltentwicklungen auf den verschiedenen zeitlichen und räumlichen Skalen entwickelt, welches solidere Grundlagen für zukunftsorientiertes Handeln schafft.

Zeitliche Bezugsfelder

Statt nach Disziplinen oder Instituten wird das Forschungsfeld von HCE grob in die zeitlichen Domänen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gegliedert, wobei wir uns der engen inhaltlichen, kausalen und chronologischen Verknüpfung der drei Domänen bewusst sind. Zuschnitt und Länge der jeweiligen Zeiträume variieren je nach Fragestellung und methodischem Zugang.

Vergangenheit

Aus naturwissenschaftlicher Perspektive ist das System Erde von inhärent komplexer Natur und durchlief in seiner Entwicklung eine Reihe von Zuständen, die sich vom heutigen sehr stark unterscheiden. Ein möglichst quantitatives Verständnis dieser zurückliegenden Dynamik bildet einerseits eine Grundlage, auf der aktuelle Prozesse und daraus folgende mögliche Entwicklungen diskutiert und gelehrt werden können, andererseits ermöglicht es eine Überprüfung von Modellen des physischen Systems und damit eine Voraussetzung für Prognosen zur zukünftigen Entwicklung.

Aus kultur-, altertums- und sozialwissenschaftlicher Perspektive ist die Vergangenheit eine Domäne beobachtbaren menschlichen Handelns. Durch historische Untersuchungen lassen sich zum einen vielfältige menschliche Handlungsoptionen über die eigenen kulturellen Prägungen hinaus erkennen und damit die Möglichkeitenspielräume im Kontext tiefgreifender und zum Teil langfristig wirksamer Umweltveränderungen erweitern. Zugleich bildet die Vergangenheit eine Projektionsfläche der Gegenwart, an der sich spiegelt, was die Gesellschaft bewegt. Sie leistet damit einen entscheidenden Beitrag zur erkennenden Selbstreflektion der Gegenwartsgesellschaft.

In der Zeitdomäne der Vergangenheit besteht die Herausforderung für HCE somit darin, zum einen die Daten- und Informationslage über Veränderungen in der physischen und sozio-kulturellen Umwelt des Menschen zu verbessern. Zum anderen soll systematisch untersucht werden, welche Rolle dabei wechselseitige Einflüsse gespielt haben.

Quellengrundlage bilden umweltbezogene Datenarchive aller Art und ihre Anordnung in Raum und Zeit, die es auszulesen, zu vervollständigen und zu interpretieren gilt. Hierzu dienen von naturwissenschaftlicher Seite die verschiedensten Methoden, Paläo-Entwicklungen zu rekonstruieren, insbesondere Geoarchive auszulesen und umweltrelevante Ereignisse zu datieren. Von kultur- und hier insbesondere altertumswissenschaftlicher Seite, sowie aus sozialwissenschaftlicher Perspektive lassen sich sämtliche direkte und indirekte Relikte menschlichen Handelns, u.a. schriftliche und materielle Hinterlassenschaften, aber auch sämtliche Zeugnisse menschlichen Eingriffs in die Umwelt und der Interaktion mit ihr als Quellen heranziehen. Die Methoden ihrer Auswertung sind Frage-geleitet und umfassen den gesamten Kanon kulturwissenschaftlicher, archäologischer, historischer, literaturwissenschaftlicher, philologischer, soziologischer und wirtschaftswissenschaftlicher Techniken.

Für fast alle diese Methoden sind eine spezielle Infrastruktur und Expertenwissen erforderlich, welches sowohl für die physische als auch für die sozio-kulturelle Umwelt in Heidelberg weitgehend vorhanden und aus einer langen Tradition heraus gewachsen ist.

Gegenwart

In den letzten Jahrzehnten hat das Wissen über die vielskaligen und vielfältigen Prozesse in unserer Umwelt rasant zugenommen. Dieses ist begleitet von einer schnell wachsenden Flut von Informationen aus einem breiten Spektrum von Quellen, das von Beobachtungssatelliten über Wirtschaftsdatenbanken bis hin zu den sozialen Netzwerken des Internets reicht. Vor dem Hintergrund eines je nach Fragestellung und analytischem Zugriff unterschiedlich langem Gegenwartsbegriff besteht die Herausforderung darin, dass es zwar einerseits eine Flut von Informationen gibt, dass diese aber weder im Detaillierungsgrad noch in der Genauigkeit ausreichen, um das komplexe Netzwerk von Einzelprozessen hinreichend verstehen zu können. Zugleich sind die Analyse- und Interpretationsmodelle zwangsläufig auf einen handhabbaren Abstraktionsgrad reduziert und stark von aktuellen Paradigmen geprägt. Die geeignete Abstraktion und die erforderliche Pluralität der Paradigmen bilden daher die zentrale erkenntnistheoretische und ethische Herausforderung.

Aus naturwissenschaftlicher Sicht ist die Methode für diese Zeitdomäne die Beobachtung (monitoring) über Fernerkundung und feste Stationen zur Aufzeichnung verschiedenster Umweltparameter von Klimafaktoren bis zu Biodiversität, sowie die daraus folgende Analyse und Interpretation. Solche Beobachtungssysteme gibt es auf verschiedensten Skalen von global operierenden Satelliten bis zu lokalen MAVs (micro aerial vehicle) und von Langzeitstationen bis zu punktuellen Messungen während Expeditionen.

Aus sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektive kommt in dieser Zeitdomäne das gesamte Spektrum der unterschiedlichen disziplinären Methoden zum Einsatz und zwar sowohl komparativ, als auch historisch. Hierzu zählen insbesondere vergleichende quantitative und qualitative Methoden der Wirtschafts- und Sozialforschung sowie sozialwissenschaftliche Experimente, Netzwerk- und Prozessanalysen auf synchroner und diachroner Ebene.

Die juristische Gegenwarts- (und Zukunfts-)aufgabe besteht darin, rechtliche Modelle und Instrumente für den nachhaltigen Ausgleich zwischen Ökologie, Ökonomie und Sozialem zu erforschen und weiterzuentwickeln. Im Mittelpunkt dieses Ausgleichs steht die Maxime eines schonenden, verantwortungsvollen Umgangs mit knappen Ressourcen, der auch an den Interessen der nachrückenden und künftigen Generationen orientiert ist (intra- und intergenerationelle Gerechtigkeit). Diese allgemeine Zielsetzung verlangt zum einen die Durchdringung der theoretischen Grundlagen der Nachhaltigkeit als politische Leitidee und als rechtliches Leitprinzip (z. B. Rechtsnatur, Generationengerechtigkeit, Menschenrechte, Institutionen, Verfahren, Methoden, Rechtsvergleichung), zum anderen die Analyse und Lösung von bereichsspezifischen rechtlichen Umsetzungsproblemen bei der Bewahrung der Lebensgrundlagen und der Ressourcenschonung (z. B. Klimaschutz, Erneuerbare Energien, biologische Vielfalt, Gewässerschutz, Staatsverschuldung, soziale Sicherungssysteme, Bildung, demografischer Wandel).

Zukunft

Angesichts der in verschiedenen Bereichen stark zunehmenden Wechselwirkungen zwischen physischer und sozio-kultureller Umwelt mit oft unabsehbaren Konsequenzen wächst einerseits die Verantwortung für, anderseits die Sorge über die künftige Entwicklung unserer Umwelt. Damit einher geht der Wunsch nach verlässlichen Vorhersagen, die eine gezielte Anpassung an oder Beeinflussung der Umwelt ermöglichen. Hier besteht die Herausforderung darin, dass wir über ein bestenfalls unsicheres Systemverständnis verfügen, auf dessen Grundlage die Entwicklung des komplexen und verzögert reagierenden „Systems Erde“ prognostiziert werden soll. Zugleich ist unser Wissen vom Menschen als Kulturwesen höchst eingeschränkt und orientiert sich zumeist am Vorbild des modernen, christlich geprägten Westeuropäers. Alternative Konzepte und Optionen menschlicher Umwelt-Interaktion erschließen sich daher bislang nur unvollständig.

Die Methoden in dieser Domäne umfassen die Entwicklung und Analyse von Modellen mittlerer Komplexität, die Entwicklung von Szenarien als Grundlage für Risikoanalysen und Expertenmeinungen sowie die Aggregierung und Visualisierung von Ergebnissen als Beiträge zur gesellschaftlichen Diskussion wirtschaftlicher, ethischer und politischer Entscheidungen. Hierbei geht es einerseits um die Vorhersage einer wahrscheinlichen Entwicklung auf der Grundlage unvollständigen Wissens, was beispielsweise auch die Stoßrichtung der IPCC-Berichte ist. Darüber hinaus geht es aber auch um die Konstruktion und ethisch-weltanschauliche Wertung alternativer Entwicklungspfade und Handlungsoptionen im Verhältnis von physischer und sozio-kultureller Umwelt sowie die gesellschaftspolitische Folgenanalyse.

 

Übergreifendes Thema: "Wandel – Wahrnehmung – ReAktion"

Die am HCE beteiligten Gruppen werden weiterhin ihre disziplinäre Forschung voran treiben, sich darüber hinaus aber an der Entwicklung des großen Themas „Wandel – Wahrnehmung – ReAktion“ beteiligen.

Bereits ein kurzer Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte zeigt, dass sich unsere Umwelt in globalen Dimensionen wandelt. Dies gilt insbesondere aus ökologischer, technologischer, ökonomischer, sozialer und politischer Perspektive. Eine historische Langzeitperspektive kann diesen Wandel deutlich herausarbeiten und damit wesentlich zum vertieften Verständnis der zu Grunde liegenden Strukturen und Mechanismen beitragen. Von besonderer Bedeutung sind hierbei (i) der globale Einfluss des Menschen auf die physische Umwelt und deren, trotz technologischer Entwicklungen, unvermindert starke Rückwirkung, (ii) die soziale Wahrnehmung von Umweltrisiken und Umweltpotentialen und die kulturellen Möglichkeiten des Umgangs mit diesen Parametern, (iii) die Frage nach der inhärenten Dynamik des physischen Systems und seiner wahrscheinlich kritischen Abhängigkeit von äußeren Antrieben und (iv) die Frage nach der Art der Dynamik wirtschaftlicher, politischer, sozialer und weltanschaulich-ethischer Systeme.

Nachfolgend sind einige Facetten aufgeführt von Wandel aufgrund innerer Dynamik, dessen Wahrnehmung durch einzelne Menschen und Gesellschaften, und die ReAktion der physischen wie auch der sozio-kulturellen Umwelt, wie sie im HCE beleuchtet werden sollen. Nur durch eine konsequent enge Verzahnung der natur-, sozial- und kulturwissenschaftlichen Forschung am HCE wird es möglich, ein umfassenderes Verständnis über die Wechselwirkungen und Schnittstellen zwischen physischer und sozio-kultureller Umwelt zu entwickeln.

Beispielsweise wuchs die Weltbevölkerung in der Vergangenheit insgesamt sehr stark an, doch gestaltete sich die Populationsdynamik unter verschiedenen sozio-kulturellen Bedingungen höchst unterschiedlich, ohne dass diese Mechanismen bislang vollständig verstanden würden. Im Gefolge des technologischen und medizinischen Wandels verbesserte sich die Ernährungsgrundlage und die Sterblichkeit ging deutlich zurück, während sich die Geburten auf hohem Niveau lange weiterentwickelten. Gegen Mitte dieses Jahrhunderts wird erstmals eine Stabilisierung und danach eine leichte Abnahme der Bevölkerungszahl erwartet. Im Gegensatz zur Zahl wird der „ökologische Fußabdruck“ der Bevölkerung – annähernd gleiche Vorstellungen von „gutem“ Leben vorausgesetzt – nicht abnehmen, sondern aufgrund des zunehmenden Konsums weiter rasant wachsen. Die Wirtschaft dürfte sich dabei innerhalb des marktwirtschaftlichen Paradigmas in den kommenden Jahrzehnten ebenfalls erheblich wandeln, einerseits durch das zunehmende Gewicht aufstrebender Nationen, insbesondere China und Indien, die teils vom Westen stark abweichende Kulturen haben, sich im ökonomischen Verhalten aber stark am Westen orientieren, andererseits unter dem Einfluss der technologischen Entwicklung, insbesondere dem Übergang von der Schwerindustrie zur Mikro- und weiter zur Biotechnologie.  Kulturvergleichende Untersuchungen können hier den Blick nicht nur für die spezifischen Bedingungen und Probleme aktueller Wirtschaftssysteme schärfen, sondern auch mithelfen, alternative Entwicklungsszenarien zu denken.

  • Die Gesellschaft der Moderne bringt nicht nur Wohlstandswachstum, sondern birgt in sich auch ein enormes Potenzial an gesellschaftlicher Selbstgefährdung und Selbstzerstörung. Die Liste der Probleme ist lang und enthält Einträge wie: zunehmendes Verkehrsaufkommen führt zu gesundheitlichen, ökologischen und volkswirtschaftlichen Schäden; mit wachsender Verkehrsdichte breiten sich gebietsfremde Spezies aber auch ansteckende Krankheiten („SARS“) kaum kontrollierbar aus; Agrochemikalien erhöhen weltweit die Schadstoffbelastung in Wasser, Boden, Luft, Pflanzen, Tieren und Menschen; Ozeane übersäuern; Fischbestände verringern sich rapide; der Ausstoß von CO2 erwärmt die Atmosphäre; die Bewässerungslandwirtschaft produziert global zwar 40% der Nahrungsmittel, greift aber massiv in einen der wichtigsten natürlichen Kreisläufe ein.
  • Solche Eingriffe müssen auf dem Hintergrund der fragilen Dynamik des Systems Erde gesehen werden, das auf den für unsere Kulturen relevanten Zeitskalen eine Vielzahl von inhärenten Fluktuationen aufweist, die von extremen Einzelereignissen wie Wirbelstürmen, Hitze- und Kältewellen, zu quasi-periodischen schnellen Modi des gegenwärtigen Zustandes (ENSO, NAO,…) bis hin zu langen Modi wie den Eiszeiten reichen und ebenfalls kulturelle Reaktionen erfordern. Solche Modi können bereits durch vergleichsweise kleine Störungen wie die aktuellen Eingriffe in Kohlenstoff- und Wasserkreislauf angeregt oder modifiziert werden. Mit dieser Dynamik und der Nutzung natürlicher Ressourcen verbundene weitere Aspekte sind ihre wirtschaftliche Verfügbarkeit, ihre gerechte Verteilung, die Nachhaltigkeit der Nutzung sowie eine mögliche Substitution und Recycling durch technologische Entwicklungen. Betroffen sind hiervon sowohl die bekannten Makroressourcen wie Wasser, Nahrungsmittel, Energie und Boden, in zunehmendem Maße aber auch Mikroressourcen wie Gold, Platin und seltene Erden für ein ganzes Spektrum von Hochtechnologieprodukten und -prozessen, die für moderne Gesellschaften essentiell sind.
  • Die Interaktionen des Menschen mit seiner Umwelt, aber auch Vorstellungen, wie sich physische und sozio-kulturelle Umwelten gegenseitig beeinflussen, sind eine Frage der sozi-kulturellen Wahrnehmung: Zum einen setzt der „Umwelt“-Begriff, mit dem solche Fragen erst sinnvoll gestellt werden können, bereits ein dualistisches Wahrnehmungsschema (Individuum vs. Umwelt) voraus, das in der spezifischen Kulturtradition des Abendlandes entstanden und keineswegs universell gültig ist. Postmoderne Verschiebungen in der Identitätskonstruktion, der Eigen- und Fremdwahrnehmung haben diese Wahrnehmung des Menschen von sich selbst und damit von seiner Umwelt verändert. Zum anderen ist die Definition von Umweltproblemen und die Durchsetzung von Lösungen stets an einen institutionellen Kontext gebunden, in den Akteure mit unterschiedlichen Interessen und Ideen eingebunden sind: Aufgrund dieser kulturellen und institutionellen Selektivität reagieren beispielsweise die Massenmedien, soziale Bewegungen, staatliche Akteure und zivilgesellschaftliche Organisationen einerseits immer nur auf eine kleine Auswahl aller potenziellen ökologischen Gefährdungen. Das heißt, eine Vielzahl möglicher Risiken wird überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Diese selektive Wahrnehmung und Ignoranz auch offenkundiger Umweltrisiken ist jedoch nicht allein ein Phänomen von größeren Gruppen, sondern lässt sich auch auf der Ebene von Individuen und Kleingruppen zeigen. Andererseits können sich etwa politische, wirtschaftliche oder technische Maßnahmen gegen die (relativ wenigen) wahrgenommenen Umweltgefahren durch unvorhersehbare Resonanzverstärkungen in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft in unkalkulierbarer Weise auswirken. Das wechselseitige Aufschaukeln von Ursachen und Wirkungen im Verhältnis von sozio-kultureller und physischer Umwelt ist bislang jedoch noch kaum verstanden. Weiterhin unterliegen auch die politischen Systeme einem erheblichen Anpassungsdruck hinsichtlich ihrer Funktionen und Strukturen. Ein zentraler Gegenstand ist die Veränderung von politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Konfliktlinien im Zusammenhang mit der Wahrnehmung von Umweltproblemen und ihr Einfluss auf das institutionelle Gefüge der Gesellschaft, die staatenübergreifende Koordination politischer Entscheidungen unter Berücksichtung zivilgesellschaftlicher Akteure und die Fähigkeit politischer Systeme zur gewaltfreien Regulierung von Konflikten innerhalb und zwischen Staaten.

Quer zu diesen Interaktionsbereichen physischer und sozio-kultureller Umwelten ist die räumliche Skala gelagert. Soweit sich das gesamte Leben in physischen und sozio-kulturellen Kontexten vollzieht, greifen je nach Maßstab (kleinräumig - mittelräumig – großräumig) spezifische Strukturen, sind verschiedene Prozesse sichtbar, unterschiedliche ReAktionen möglich und andere Akteure beteiligt. Die Abgrenzung dieser räumlichen Einheiten und der daraus resultierenden Epistemologien sind das Ergebnis eines kognitiven und sozialen Strukturierungsprozesses, in dessen Kontext Umweltprobleme erst wahrgenommen werden können:

  • Menschliches Handeln spielt sich – zumindest im längsten Teil der Geschichte und im Alltag der meisten Menschen auch heute noch – in Kleinstgruppen und im Kleinraum ab. Dieser Raum ist durch die körperliche, soziale und kulturelle Reichweite des einzelnen Akteurs charakterisiert. In dieser Maßstabsebene ist die Konstruktion von Raumgrenzen im Wesentlichen das Ergebnis von physischen und kulturellen Interaktionsprozessen zwischen anwesenden Akteuren und ihren Umwelten. Die Entwicklung umweltbezogener Adaptions- oder Beeinflussungsoptionen muss folglich auf (bislang kaum zur Verfügung stehenden) räumlich hochauflösenden Prognose- und Rekonstruktionsinstrumenten beruhen.
  • Räume mittlerer Reichweite umfassen ein breites Spektrum unterschiedlicher Ausdehnungsbereiche menschlichen Handelns von der Region bis zu Kontinenten. Mit der räumlichen Ausdehnung wächst der Abstand zwischen den individuellen Akteuren und erfordert Interaktionsmöglichkeiten zwischen körperlich Abwesenden. In diesem Kontext spielen die technischen Möglichkeiten eine zentrale Rolle. Durch Transporteinrichtungen, Großtechnologien, Kommunikationssysteme etc. steigt nicht nur die Mobilität der Menschen, sondern auch  die Wahrnehmung von Umweltproblemen (und deren Lösung) löst sich von der konkreten Zeit und dem konkreten Ort immer stärker ab und wird abstrahiert. Die Herausforderung liegt dabei nicht nur in der Wahrnehmung und dem wissenschaftlichen, technischen und politischen Management von Umweltkonflikten, sondern auch in der moderierten Aushandlung verschiedener Reaktionsoptionen.
  • Die globale Ebene bezieht sich schließlich auf die weltweite Ausdehnung von menschlichen Handlungsräumen. In diesem Kontext wird die Welt als Einheit betrachtet, die sich nach unterschiedlichen Kriterien in Zonen einteilen lässt, wobei physische, kulturelle, soziale und politische Faktoren eine Schlüsselrolle spielen. Je nach Grenzziehung zwischen den Zonen eröffnen sich Perspektiven auf neue Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen der sozio-kulturellen und der physischen Umwelt des Menschen. Die meisten Diagnose- und Prognoseinstrumente physischen Umweltwandels konzentrieren sich auf diese globale Ebene. Auf der politischen Seite stehen diesen Modellen die internationale Staatengemeinschaft und die Weltöffentlichkeit gegenüber. Diese Schräglage zwischen einem als global wahrgenommen physischen Umweltsystem und einer nur gering moderierten Vielzahl sozio-kulturell diverser Akteure stellt aktuell eine ganz besondere Herausforderung nicht nur für die Politik dar.

Über die Problemstellungen auf den einzelnen Maßstabsebenen hinaus ist bereits die Relation zwischen diesen verschiedenen Maßstäben eine konzeptionelle Herausforderung, da Grenzkonstruktionen zwischen und innerhalb der Maßstabsebenen (z.B. Klimazonen, Naturräume, politische Räume) weder deckungsgleich noch selbstevident sind. Darüber hinaus ist das Verhältnis der verschiedenen Maßstabsebenen zueinander im Bereich der Umweltwahrnehmung und des Umweltverhaltens eine epistemologische Herausforderung. So stehen beispielsweise globale Umweltmodellierungen, aus deren Kenntnis nicht zuletzt globale Verantwortung entspringt, dem zumeist lokalen Handeln des einzelnen Menschen oder politischen Handlungen regionaler Reichweite (z.B. Staat, Staatenverbund) gegenüber, ohne dass sich diese Modellierungs- und Handlungsebenen kultur- und sozialwissenschaftlich befriedigend miteinander verbinden ließen. Auch Verknüpfungen von globalen Veränderungen und spezifischem Kulturwandel etwa in politischen oder ökonomischen Systemen sind methodisch zumindest fragwürdig und auf der Theorieebene nicht begründbar.

Es steht außer Frage, dass die physische Umwelt in vielfacher Weise und auf den verschiedenen Skalen durch den Menschen beeinflusst wird. Zugleich erfordert der Umweltwandel seinerseits wieder Anpassungsprozesse, da die physische Umwelt mit allen Bereichen der sozio-kulturellen Umwelt des Menschen interagiert. Diese Wechselwirkungen und ihre Konsequenzen werden durch Forschungen von HCE beobachtet und bilden gleichermaßen den Ausgangspunkt für die sozio-kulturelle Analyse des gesellschaftlichen Wandels wie für die naturwissenschaftliche Erforschung des Wandels in der physischen Umwelt.

Verantwortlich: E-Mail
Letzte Änderung: 01.10.2012
zum Seitenanfang/up